Abstimmungsschleifen 2

Zwischen Abstimmungsmarathon und „Themaverfehlung“: Haltungen und Methoden einer effektiven, bedürfnisorientierten Produktentwicklung von Andreas Keßler

Die Forderung nach der Quadratur des Kreises ist Alltag im Leben von Produktentwicklern. So sollen sie auf der einen Seite möglichst schnell innovative und kreative Produkte entwickeln, auf der anderen Seite aber auch etliche Vorgaben und Erwartungen der Auftraggeber beachten – vom Corporate Design über Architecture-Guidelines bis hin zu formal-rechtlichen Bestimmungen. Um den Entwicklungsprozess dennoch bestmöglich zu gestalten, müssen Produktentwickler einen effektiven Mittelweg zwischen zwei kostspieligen Polen finden:

  • Endlose Abstimmungsschleifen: Wird die Überprüfung von Vorgaben zu engmaschig getaktet, können endlose Abstimmungsprozesse die Entwicklung ausbremsen und Innovationen verhindern.
  • Die „Themaverfehlung“: Werden Produkte zu frei von den Richtlinien der Auftraggeber entwickelt, werden am Ende des Entwicklungsprozesses aufwendige Nachjustierungen notwendig, da das Produkt den Erwartungen der Stakeholder zu wenig entspricht.

Um zwingende Vorgaben und die notwendige Agilität in einen produktiven Einklang zu bringen und bestmögliche Resultate zu erzielen, brauchen Programmierer und Product Owner neben der nötigen Weitsicht für mögliche Probleme und Hindernisse vor allem eine passende Haltung sowie adäquate Methoden.

Herausforderungen der Produktentwicklung

  • Komplizierte Abstimmungsprozesse: Bei der Entwicklung neuer Produkte gibt es neben einer Vielzahl von Vorgaben oftmals auch eine große Zahl von Personen, die am Prozess direkt oder indirekt beteiligt sind und sich einen guten Informationsfluss wünschen. Werden Informationsketten und Abstimmungsprozesse zu komplex, kann dies die Entwicklung allerdings erheblich verlangsamen.
  • Veraltete Vorgaben: Gerade bei der Entwicklung von Apps und digitalen Anwendungen erweisen sich viele Vorgaben als veraltet, da diese nicht für neue Digitalisierungskanäle adaptiert wurden. Als Beispiel lässt sich dafür das Corporate Design vieler Unternehmen nennen, das vor allem für Printvorgaben konzipiert wurde, digitale Anwendungen allerdings kaum berücksichtigt. Müssen Richtlinien jedoch erst neu angepasst werden, geraten Prozesse ins Stocken.
  • Unzureichende Dateninfrastrukturen: Bei der Gestaltung des User Interface fällt häufig auf, dass die zur Verfügung stehenden Daten vor allem für den internen Gebrauch konfiguriert wurden (z. B. mit internen Kürzeln und Einheiten). Sie können deshalb nicht ohne Weiteres für eine größere Zielgruppe übernommen werden. Die Mitglieder des Projektteams brauchen daher ein gutes Gespür, wann und wie im Verlauf des Entwicklungsprozesses Daten neu strukturiert und ergänzt werden sollten.

 

Mit Vertrauen und Verantwortung: Vier Grundhaltungen der Produktentwicklung

Nicht wenige Produktentwickler laufen Gefahr, ihre Auftraggeber mit einem möglichst großen Methodenfeuerwerk zu überfordern. Schließlich möchte man ja zeigen, was man kann. Erfolgreiche und menschenzentrierte Produktentwicklung geht einen anderen Weg: Sie versucht, die Bedürfnisse des Auftraggebers mit Geduld und Respekt zu verstehen und gemeinsam neue Lösungswege anzugehen. Vier Grundhaltungen können dabei helfen:

  1. Bestehendes annehmen: In der Regel gibt es einen guten Grund, warum Prozesse in Unternehmen nach einem bestimmten Muster verlaufen. Deshalb sollten Entwickler erst einmal genau hinschauen und essenzielle Vorgaben annehmen, bevor sie etablierte Strukturen infrage stellen. Dabei hilft es, Geduld zu beweisen und sich Vorgänge im Unternehmen erst einmal gründlich erklären zu lassen.
  2. Bedürfnisse ernst nehmen: Wer sich als Product Owner den Freiraum wünscht, neue Produkte auch ohne allzu enge Abstimmungsschleifen gestalten zu können, braucht dafür das Vertrauen der Verantwortlichen im Unternehmen. Doch Vertrauen gibt es nicht geschenkt. Es wächst, wenn sich Auftraggeber in ihren Anliegen verstanden und ernst genommen fühlen. Besserwisserei ist dabei absolut kontraproduktiv.
  3. Projektpartner mitnehmen: Auftraggeber möchten nicht überrumpelt werden, auch nicht mit einem ausgeflippten Methodenkoffer. Product Owner sollten deshalb keine allzu großen programmatischen Grundsatzreden halten, sondern Veränderungen in kleinen Schritten so gestalten, dass sich die Auftraggeber jederzeit informiert und beteiligt fühlen können.
  4. Ziele vornehmen: Neben aller Beteiligung der Auftraggeber sollte sich ein Product Owner auch dadurch auszeichnen, dass er in der Lage ist, zur richtigen Zeit – und immer in enger Kommunikation mit dem Projektpartner – voranzugehen und gefasste Ziele umzusetzen. Dies braucht Mut zur Verantwortung, ist jedoch unvermeidbar, wenn Fortschritt möglich werden soll.

Vertrauen

Acht Hilfen für eine effektive Produktentwicklung

In der Spannung zwischen Vorgabentreue und agiler Projektentwicklung können verschiedene Methoden und Vorgehensweisen eine wertvolle Hilfe bieten, um schnelle und konkrete Ergebnisse zu erhalten. So entfallen hypothetische Abstimmungsdiskussionen. Stattdessen kann anhand von konkreten Vorschlägen und Ideen die Gestalt des finalen Produktes diskutiert werden.

  1. Essenzbasiertes UI-Design: Mithilfe eines essenzbasierten UI-Designs kann es gelingen, die vielseitigen Vorgaben auf einige wenige zentrale Anforderungen herunterzubrechen. Die Handschrift des Unternehmens bleibt so erhalten, ohne dass das Entwicklungsteam allzu eingeengt agieren muss.
  2. Costumer Journey Map: Durch den Fokus auf einzelne Etappen und Aufgaben eines Prozesses und die damit verbundenen Emotionen ermöglicht die Costumer Journey Map eine alltagsnahe Erfassung der Anwenderwünsche, die gerade am Beginn des Entwicklungsprozesses besonders wertvoll ist.
  3. UX-Writing: Es lohnt sich, spezialisierte UX-Texter von Anfang an in den Entwicklungsprozess einzubeziehen, die die Tonalität des Unternehmens im Blick behalten und Prototypen anschaulicher gestalten können.
  4. Prototypen: Mithilfe von Prototypen können mit wenig Aufwand anschauliche Ergebnisse erzielt werden, die den Projektfortschritt für alle Beteiligten visualisieren und Missverständnissen vorbeugen.
  5. Präsentation der Prototypen: Genauso wichtig wie der Prototyp selbst ist seine Präsentation vor den Auftraggebern. Mit den passenden Instrumenten können die Attribute des Prototyps greifbar gemacht und weitere Änderungswünsche evaluiert werden.
  6. Balance zwischen Frameworks und From-Scratch: Frameworks ermöglichen das Einsparen von Ressourcen in der Produktentwicklung, können zu intensiv genutzt jedoch die Performance des Produktes beeinträchtigen und „technische Schulden“ anhäufen. Eine gute Balance zwischen Frameworks und dem Ehrgeiz, möglichst den gesamten Stack selbst zu implementieren, ist daher entscheidend.
  7. „Automatisierungs-Primat“: In vielen Entwicklungsteams ist die Tendenz groß, Automatisierungen ans Ende des Entwicklungsprozesses zu stellen. Dies kann jedoch wertvolle Ressourcen kosten. Wer dagegen von Anfang an auf mögliche Automatisierungsoptionen achtet, kann Zeit und Energie sparen.
  8. Mitwachsende Admin-Interfaces: Ab einer bestimmten Anwendungsgröße sollten Support-Tools und Verwaltungsinstrumente von Beginn des Entwicklungsprozesses an mitbedacht werden. Andernfalls wird die Verwaltung des Produktes im späteren Verlauf so viele Ressourcen binden, dass die Entwickler für weitere Optimierungen blockiert sind.

Sie möchten mehr über die acht Hilfen für eine innovative und bedürfnisorientierte Produktentwicklung erfahren?
In den kommenden Wochen werden wir in unserem Blog ausführlicher über die Chancen der einzelnen Methoden informieren.
Vorbeischauen lohnt sich!

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