2024 01 30 Erfolgreicheretrospektiven 1

Ein tänzerisch harmonisches Zusammenspiel: Anregungen für erfolgreiche Retrospektiven aus der Welt des Tanzes von Christoph Perl

Nicht nur als Scrum Master begeistert es mich, daran mitzuwirken, dass aus einzelnen starken Individuen ein noch stärkeres Wir entsteht, sondern auch als leidenschaftlicher Tänzer. In der Vergangenheit durfte ich dabei viele Parallelen zwischen gelungenen Retrospektiven und der Entstehung einer Choreografie im zeitgenössischen Tanz entdecken. Mit dem Blick auf dieses Erleben möchte ich dir deshalb einen Retro-Baukasten an die Hand geben, der dir helfen kann, den Sinn des Ablaufs einer gelungenen Retrospektive tiefer zu durchdringen und sie so noch erfolgreicher zu gestalten.

Das tanzende Team: Von vorsichtigen Worten zum gemeinsamen Sinngebäude

Das komplexe Zusammenspiel von Bewegungen verschiedener Körper im Raum hat mich an Choreografien schon immer fasziniert. Im Laufe meiner künstlerischen Karriere ist aus dieser Faszination schließlich eine Leidenschaft gewachsen, die mich dazu motiviert hat, meinen Körper zu trainieren und an Workshops mit professionellen Tänzer*innen teilzunehmen.
Der zeitgenössische Tanz hat es mir dabei besonders angetan. Denn im Gegensatz zum Ballett oder auch zum modernen Tanz sind die Bewegungen nicht ausdefiniert. Sie entstehen improvisatorisch aus gemeinsam entwickelten Bildern oder Gefühlszuständen, aus Ausrichtungen der Aufmerksamkeit oder der Körperlichkeit. Diese Improvisationspraxis wird täglich wiederholt. Jeden Tag entstehen dadurch neue Bewegungen.
Eine Sache, die mich an dieser Vorgehensweise besonders fasziniert, sind die Gespräche nach den Improvisationssessions. Die Tänzer*innen suchen zuerst vorsichtig nach Worten. Allmählich baut sich so aus den Worten aus verschiedenen Mündern das Gerüst eines ersten Sinngebäudes auf, das durch die magische Komplementierungsfähigkeit erfahrener Teams vor dem kollektiven Auge nach und nach mehr an Gestalt gewinnt. Am nächsten Tag spürt man schließlich die vereinende Kraft dieser Gespräche, wenn die individuellen Körper sich durch das entstandene gemeinsame Sinngebäude bewegen und ein wundervolles Zusammenspiel, ein „tanzendes Team“ entsteht.

In Retrospektiven von Software-Teams ist die Ausdrucksweise zwar wesentlich profaner als in den Nachbesprechungen zu Tanzimprovisationen, die magische Komplementierungsfähigkeit guter Software-Teams ist aber nicht weniger faszinierend. Gerade deshalb lohnt es sich für mich, eine Analogie zwischen der Welt des Tanzes und dem Verlauf erfolgreicher Retrospektiven zu ziehen.

1. Abholen und einführen: Vom gewohnten Tun zum kreativen Dialog
Wie der Umstieg der Tänzer*innen aus der intuitiven Welt der körperlichen Bewegung in den Bereich der verbalen Interaktion herausfordernd ist, so ist auch der Schritt aus der Welt des Codes hin zur offenen Kommunikation über Anforderungen und Störfaktoren in der Zusammenarbeit nicht einfach. Zu Beginn einer Retro ist es daher wichtig, dass du das Team mit ein paar allgemeinen Informationen wie der geplanten Dauer und dem Ziel der Retro abholst. Zudem fasst du die wesentlichen Aufgaben und Errungenschaften des Sprints kurz zusammen, um die Erinnerung der Entwickler*innen zu beflügeln. So schaffst du einen sicheren Rahmen, der dem Team die notwendige Sicherheit bietet, um den Übergang aus der vertrauten Welt des Codes hin zum (anfänglich) ungewohnten Austausch über Herausforderungen und Irritationen zu wagen.

2. Daten sammeln: Ein gemeinsames Sinngebäude entsteht
Nachdem der passende Rahmen geschaffen wurde, sind nun die Entwickler*innen an der Reihe. Was lief gut? Was lief nicht gut? Gibt es Ideen, was wir im nächsten Sprint besser machen können? Beim Datensammeln geht es nicht nur um Metriken und Sachverhalte. Vielmehr begleitest du die Teilnehmenden bei der Entwicklung eines gemeinsamen Verständnisses für die Ereignisse einer Iteration. Wie beim Sinngebäude der Tänzer*innen soll so auch im Entwicklungsteam ein gemeinsames Bild entstehen, das neue Orientierung bietet. Zählbares wie erledigte Story Points, die Anzahl der gefundenen Bugs und abgeschlossene Epics können gute erste Orientierungspunkte für dieses Bild darstellen. Die Farben kommen aber erst durch die Gefühle der Entwickler*innen ins Bild. Sie hervorzuholen ist der schwierigste und wichtigste Teil der Datensammlung. Strukturierte Methoden wie „Mad Sad Glad“ oder ein „Zufriedenheits-Histogramm“ können es erleichtern, emotional aufgeladene Themen anzusprechen.
Mach dir aber mit dem Vergleich von zunächst vermeintlich noch unkoordinierten Tänzer*innen bewusst, dass es dauern kann, bis für den Einzelnen ein stimmiges Gesamtbild entsteht. Wie beim Tanz das Bild in unterschiedlicher Geschwindigkeit in den Köpfen heranreift, so solltest du auch das individuelle „emotionale Tempo“ der einzelnen Teammitglieder beachten. Zudem sollten dich auch Rückschritte und neue Verwirrungen nicht erschrecken. Denn Tuckman lässt in jeder Retrospektive herzlich grüßen, wie es mein Kollege Sven in einem Blogbeitrag sehr anschaulich dargestellt hat. 
Erfolgreiche Retrospektiven
3. Erkenntnisse entwickeln: Das Bild hinter dem Bild erkennen
Nach dem Sammeln der Daten geht es in die Analyse. Wir fragen: Warum? Wie genau meinst du das? Kannst du mir dafür ein Beispiel nennen? Wir versuchen, Zusammenhänge und Muster zu erkennen und den Problemen auf den Grund zu gehen. Es scheint einfach, Lösungen zu finden, sobald die Probleme auf dem Tisch liegen. Schnelle Lösungen können tatsächlich funktionieren, oft tun sie das aber nicht. Darum versuchen wir in dieser Phase, den Dingen genau auf den Grund zu gehen, Ursachen und Folgen erforschen und Alternativen zu entwickeln. Wie beim Tanz versuchen wir, die erste Oberfläche des entstandenen Sinngebäudes tiefer zu durchdringen. Wir bleiben also nicht bei einer oberflächlichen Bildbetrachtung stehen. Wir suchen nach versteckten Türen im Sinngebäude, hinter denen sich Räume befinden, die wir noch nicht betreten haben. Das sind die Räume, in denen Neues entstehen kann.
Diese Phase mag für manche deiner Teammitglieder herausfordernd wirken. Haben sie doch vielleicht das Gefühl, das Sinngebäude schon genug verstanden zu haben. Das nützt aber nichts, wenn Einzelne noch mit Irritationen oder Widerständen kämpfen. Ein gemeinsamer Tanz, eine erfolgreiche weitere Zusammenarbeit kann nur gelingen, wenn sich für alle Beteiligten ein schlüssiges neues Bild ergibt.

4. Entscheiden, was wir tun: Die gemeinsame Choreografie wird abgestimmt
In dieser vierten Phase gibt es einen bedeutsamen Unterschied zwischen Entwickler*innen und Tänzer*innen. Für die Choreografie sind die spannendsten Ergebnisse zu erwarten, wenn die „Entscheidung“ über die nächsten Schritte nicht im Kollektiv thematisiert wird. Stattdessen reifen die Erkenntnisse in den Körpern der Tänzer*innen, während sie sich noch eine Runde dehnen. Vielleicht gibt ihr Unbewusstes auch in ihren Träumen noch wichtige Details für die finale Choreografie frei.
In der Retro ist es dagegen wichtig, sich gemeinsam auf ein oder zwei Verbesserungen oder Experimente zu einigen und diese detailliert auszuarbeiten. Dabei sollten Verantwortliche für die einzelnen Handlungsschritte definiert werden. Denn alle müssen um ihre Aufgabe wissen, damit die gemeinsame „Choreografie“ bis zur nächsten Retrospektive gelingen kann.

5. Zusammenfassen und vorausblicken: Der motivierende Applaus für kommende Herausforderungen
Eine gelungene Choreografie endet für gewöhnlich mit der Verneigung der Tänzer*innen und dem Applaus des Publikums, der neuen Ansporn gibt. In ähnlicher Weise solltest du auch für einen positiven und bestärkenden Abschluss der Retro sorgen. Entscheide mit dem Team, wie die Dokumentation allen zugänglich gemacht wird und wie Erkenntnisse und Entscheidungen bewahrt und weitergetragen werden können.
Sie gehören dem Team und sollten von ihm verantwortet und verinnerlicht werden.
Schließlich sollte auch dein persönlicher „Applaus“, also der Dank für die Teilnahme und den Einsatz des Teams, nicht fehlen. 

Von der tänzerischen Leichtigkeit – ein Wort zum Schluss

Ein guter Tanz ist unglaublich anstrengend und wirkt dennoch unbeschwert und leicht. Tatsächlich gehört zu einer guten Performance beides: enorme körperliche Anstrengung und die Leichtigkeit und das Vertrauen der Tänzer*innen, dass aus einem vermeintlich unkoordinierten Anfang letztlich ein gutes gemeinsames Ergebnis entsteht. Gerade das sollten auch Entwicklungsteams und vor allem Scrum Master von erfolgreichen Choreograf*innen lernen: Es geht um Ehrgeiz, aber nicht um Verbissenheit. Neben allem Engagement sollte in Retrospektiven daher auch ein hohes Maß an Leichtigkeit herrschen, damit durch alle Herausforderungen hindurch am Ende ein gutes Ergebnis steht.

 

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